Liebe Mitchristen,
wie konnte man eigentlich berichten, Maria und Josef wären einfache Leute gewesen, wenn doch Könige aus dem Orient den Geburtsort Jesu aufsuchten? Wie passt es zusammen, dass Jesus als Zimmermann gearbeitet hat, obwohl ihm die Sterndeuter oder „Magier“, wie sie im griechischen Text genannt werden, Gold und Schätze darbrachten? Vielleicht liegt es daran, dass sich die Erzählung nicht so zugetragen hat wie es eine Zeitung berichtet hätte. Wenn es damals Zeitungen gegeben hätte – sie wäre gar nicht erwähnt worden. Aber Gott sei Dank ist das, was wir in der Zeitung und im Geschichtsbuch lesen können, nicht die einzige Wahrheit. Auch die Erzählung von den drei Magiern spricht die Wahrheit – allerdings auf einer anderen Ebene: Sie scheint in die Tiefen der Seele und ihre Bilder drücken aus, was uns Menschen im Innersten bewegt. Es geht also nicht nur um orientalische Händler, um Umwege auf unsicheren Verkehrswegen und um teure Handelswaren zur Zeit der Römer. Die Geschichte der Magier erzählt vielmehr von der verborgenen Grösse des kleinen Jesuskindes und von der verborgenen Grösse eines jeden Menschen. Und sie redet von der Schönheit Gottes, die nirgendwo sichtbarer wird, als wenn sie sich widerspiegelt im Antlitzes eines Menschen und in der Wahrheit seines Herzens.
Die verborgene Grösse des Jesuskindes zeigt sich in den Geschenken, die ihm die Magier darbringen. Sie, liebe Mitchristen, haben an Weihnachten sicher feststellen können, wie schwer es sein kann, das richtige Geschenk zu finden. Wissen Sie, was ein gutes Geschenk ausmacht? Ein passendes und geschmackvolles Geschenk kann man eigentlich nur so machen, dass es ausdrückt, was das Wesen des anderen ist. Man kann einander im Grunde nur schenken, was im anderen selber lebt. So verkörpert ein gutes Geschenk das Wesen des Beschenkten. Das gilt auch für die Geschenke der Magier: Die damals überaus kostbaren Gaben verkörpern das Wesen des neugeborenen Jesuskindes. Im kleinen, unscheinbaren, armseligen Kind in der Krippe haben die Magier seine königliche Würde entdeckt, mehr noch – sie haben in ihm die Grösse Gottes erkannt.
Die drei Weisen haben im Kleinen das Grosse gefunden. Das ist die Botschaft der drei Könige. Es ist eine Botschaft an uns. In uns Menschen – mögen wir auch so klein und armselig sein – erscheint die Grösse Gottes. Im Herzen eines jeden Menschen leben wunderbare Verheissungen, geschrieben von den Fingern Gottes vor aller Zeit. Denn Gott wollte, dass wir leben und dass es uns gibt. Und Gott selber will nicht fernab und unerreichbar sein. Er möchte nicht nur Gott sein – irgendwo in der hintersten Schublade unserer Existenz – er will zur Erscheinung kommen, in Menschengestalt. Wie wäre es dann, wenn wir glauben dürften, einem jeden von uns gehörten Gold, Weihrauch und Myrrhe dargeboten?
Gold haben die Magier dem Jesuskind zu Füssen gelegt. Es ist das Metall, das geboren wird im Glutofen der Sterne. Unter ungeheurem Druck und unvorstellbarer Temperatur pressen sie sich zusammen, explodieren und geben ihr schweres Material an den Weltraum ab. So formen sich später um neue Sonnen Planeten, in deren Gestein Spuren von Gold liegen. Können wir uns vorstellen, dass das Kostbarste in unserem Herzen auf diese Weise geboren werden kann? Unter ungeheurem Leid, ungeheurem Druck und dennoch schwer und kostbar? In einem jeden Menschen gibt es von diesem Gold zu entdecken, je mehr man ihn liebt, desto mehr jeden Tag. Ein jeder Mensch ist in sich kostbar wie Gold und es gibt etwas in seinem Leben, das ihn zu einem König macht, so würdig, so reich und so gross, denn eines jeden Menschen Leben kommt von Gott. Weihrauch ist dem Jesusknaben dargeboten worden. Wir benutzen Weihrauch als Symbol für die Gebete, die zu Gott aufsteigen. Sie tragen ein Stück von uns selber in den Himmel hinauf. Wir Menschen sind von der Kraft der Sehnsucht, von dem Heimweh nach der Ewigkeit. Wir sind berufen, zurückzukehren zu dem Ort, von dem wir stammen. Und beide, die Schwere des Goldes und die Leichtheit des Weihrauchs, leben in uns und in beidem sind wir ganz. Dazwischen die Myrrhe, ein Heilmittel zur Desinfektion von Wunden und ein Öl zur Einbalsamierung der Toten. Die Myrrhe symbolisiert unsere Grenzen, an denen wir uns stossen, wo wir nicht mehr weiter kommen. Die Myrrhe ist der irdische Weg unserer Endlichkeit und Sterblichkeit. Wir dürfen ihn gemeinsam gehen, und es gibt viel, das Herz eines Menschen zu trösten, gegen sein Leid, gegen seinen Schmerz, und viel zu erwecken an Hoffnung und Kraft, unterwegs auf der Wallfahrt zur Ewigkeit.
Liebe Mitchristen, in diesen Geschenken verkörpert sich unser wahres Wesen, unsere verborgene Grösse. In einem jeden von uns schimmert die Grösse und Schönheit Gottes. Sie wird nirgendwo sichtbarer als im Antlitz eines Menschen, den wir lieben.
Eine alte russische Legende erzählt von einem vierten König, der hörte in seinem Reich in Russland von dem Herrscher der Ewigkeit, der zur Welt kam, und er machte sich auf, ihn zu suchen. Er nahm mit sich die grössten Kostbarkeiten seines Landes: das schönste Leinentuch, die kostbarsten Perlen und den süssesten Honig. Dieser König, sagt die Legende, war noch nicht weit unterwegs, als er der Armut begegnete. Er opferte sein Tuch, damit Aussätzige ihre Wunden verbinden konnten. Er gab seinen Honig einer Frau, die nicht wusste, wie ihr Kind zu ernähren, und er verschenkte seine Perlen in einem Dorf, das vor Hunger verkam. Schliesslich besass dieser König gar nichts mehr, was er zu dem unbekannten neuen König hätte tragen können. Und sogar der Stern am Himmel versank vor seinen Augen, so dass er ein Landstreicher wurde, so wie immer, wenn Menschen ihre Hoffnung verlieren. Da er nichts mehr zu geben hatte, opferte er schliesslich dreissig Jahre seines eigenen Lebens für den Sohn einer Frau, der zu den Galeerensklaven abgeurteilt werden sollte. Zerbrochen, zerlumpt und zerschlagen kam dieser König nach Jerusalem, dreiunddreissig Jahre zu spät, rechtzeitig aber, den König der Ewigkeit wiederzuerkennen am Kreuz inmitten des Leids.
Der Mensch verdient jedes Opfer, und der Gott, der erscheint in der Schönheit des Menschen, will unsere Güte, unser Mitleid und unser Verstehen grenzenlos, wie er selber ist. Aller Reichtum unserer Hände wird noch goldener, noch kostbarer im Geschenk für die Grösse der Menschen, die wir lieben, und nirgendwo ist Gott grösser, als wenn wir ihn erkennen in der Armut, in der Kleinheit.
Amen.
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